Der Prozess

Im Herbst 2014 stolperte ich im Oberen Vinschgau, in Südtirol, über die Geschichte des kleinen Dorfes Mals. Das Dorf liegt auf 1.000 Meter Seehöhe. Und es gibt dort noch keine intensive Landwirtschaft, keinen intensiven Apfelanbau … und daher auch noch keine täglichen Pestizidwolken!

Das erste pestizidfreie Dorf Europas

Und die Bevölkerung von Mals wollte augenscheinlich, dass das so bleibt. Denn in einem Referendum haben sich im Herbst 2014 76 % der Bevölkerung dafür ausgesprochen, dass auf dem Gemeindegebiet gefährliche und sehr gefährliche Pestizide verboten werden. In einer Zeit in der sich die Schattenseiten der intensiven Landwirtschaft immer deutlicher zeigten, wollten die Malser diese Phase der Entwicklung überspringen.

Beim Referendum im Herbst 2014 sagen 76 % der Malser Bevölkerung JA zu einem Verbot von gefährlichen und sehr gefährlichen chemisch-synthetischen Pestiziden.

Doch am Tag nach dem Referendum in Mals, im Jahr 2014, las ich in einer großen Südtiroler Tageszeitung den Aufmacher: ABSTIMMUNG IN MALS NULL UND NICHTIG!
Das hat mich schockiert und schockiert mich immer noch …
„Wie kann in einer Demokratie das Anliegen der Mehrheit jemals null und nichtig sein?“

Buch und Film „Das Wunder von Mals“

Da erwachte in mir der Wunsch jene mutigen Malser kennen zu lernen, die der industriellen Landwirtschaft die Stirn boten. So entstand in den darauffolgenden Jahren das Buch „Das Wunder von Mals“ und dazu der gleichnamige Kinofilm. In diesen beiden Werken erzähle ich, jeweils mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, was geschieht, wenn eine Region versucht ihre Eigenart zu bewahren, wenn Menschen sich für ihre Visionen einsetzen, kurz: wie es zugeht beim Aufstand in einem kleinen Dorf.

In Mals habe ich jahrelang miterlebt (ich habe selbst zwei Jahre in Mals gewohnt), wie die Lobbys der intensiven Landwirtschaft,
-> der Südtiroler Bauernbund,
-> die Obstgenossenschaften in Südtirol,
-> die Südtiroler Landesregierung,
-> der Landesrat für Landwirtschaft (Arnold Schuler)
-> und auch große Teile der Medien
mit allen Mitteln verhindern wollten, dass im kleinen Mals ein Präzedenzfall entsteht.
Denn: „Die pestizidbasierte Landwirtschaft muss sich weiter ausdehnen dürfen! Schließlich geht es dabei auch um sehr viel Geld! Und – wenn jemand unsere Ackergifte nicht haben will, dann werde sie ihm eben mit Gewalt verabreicht …“

Die Hexenjagd

Natürlich beschäftige ich mich im „Wunder von Mals“ auch mit dem Zankapfel in diesem Konflikt: mit der pestizidgestützten Apfelwirtschaft in Südtirol. Am Ende des Kapitels, indem es um die gesundheitlichen Gefahren für Nachbarn und Konsumenten geht, schreibe ich, dass jeder, der sich an einem zerstörerischen Wirtschaftssystem beteiligt, ohne sich ein Bild von den Auswirkungen zu machen
-> für die Artenvielfalt,
->für zukünftige Generationen,
->für die Nachbarn und Konsumenten,
dass jeder, der hier „Business as usual“ betreibt sich dadurch schuldig macht. Und zwar durch Wegschauen. Durch vorsätzliches Ignorieren von Fakten. Jeder der das tut, akzeptiert hohe Opferzahlen in der Zukunft.

Diese Betrachtung, die mir sehr wesentlich erscheint, hat die Südtiroler Apfellobby furchtbar aufgeregt. „Das lassen wir uns nicht gefallen! Dagegen gehen wir gerichtlich vor!“ Und tatsächlich ging man danach nicht mehr nur auf das kleine Dorf Mals und seine Aktivisten los, sondern auch auf den Berichterstatter. Ja, es wurde eine wahre Hexenjagd veranstaltet. Der Landesrat für Landwirtschaft ging mit gutem Beispiel voran und zeigte mich, natürlich auf dem Briefpapier der Landesregierung, bei der Polizei an. Ich hätte die Südtiroler Landwirtschaft verleumdet. Die Genossenschaften riefen ihre Mitglieder auf sich dieser Anzeige anzuschließen. 1.600 Obstbauern folgten diesem Aufruf.

In einer beispiellosen Hexenjagd wurden Südtirols Obstbauern im Herbst 2017 dazu aufgerufen sich einer Klage gegen mich und gegen Karl Bär vom Umweltinstitut München anzuschließen, weil wir die Spritzpraktiken im Südtiroler Apfelanbau kritisiert hatten.

Das Gerichtsverfahren

Das also war mein Verbrechen. Dafür soll ich mich nun vor Gericht verantworten. Für mein Berichterstattung über das Dorf Mals in Buch und Film. Und dafür, dass ich geschrieben habe, „wer Kollateralschäden ignoriert, macht sich schuldig“.

Als ich dann, drei Jahre nach dieser Anzeige, erfuhr, dass es tatsächlich zu einem Prozess gegen mich kommen würde, hat mich diese Nachricht am falschen Fuß erwischt. Ich war davor lange krank gewesen und noch sehr geschwächt. (Ja, das gibt es auch.) Ich war verletzlich (ich zögere dieses Wort zu verwenden, obwohl ich denke, dass es zu selten Verwendung findet im öffentlichen Diskurs). Und ich empfand es jedenfalls als unerträglich, dass mir nun aufgezwungen wurde, womit ich mich zu beschäftigen hatte und womit nicht. Und dass mir gleichzeitig hohe Anwalts- und Gerichtskosten aufgezwungen wurden.

„Schreib‘ um dein Leben!“

Da aber kam mir zu Bewusstsein, dass das was ich da gerade erlebte eigentlich ziemlich interessant war. Dass ich von meinem Prozess erzählen sollte. Und auch von dem Prozess gegen den Apotheker von Mals, und von dem Prozess gegen den Bürgermeister von Mals, und von dem Prozess gegen Karl und das Umweltinstitut.
Und nicht nur von ihren Prozessen, sondern auch von all jenen Prozessen die europaweit, leider immer häufiger, gegen Journalisten und Aktivisten vom Zaunpfahl gebrochen werden, um sie mundtot zu machen. Bei der Recherche bemerkte ich nämlich ziemlich rasch, dass diese Art von Gerichtsverfahren zwar Wahnsinn sind, aber durchaus System haben. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich bereits mit solchen Prozessen und spricht dabei von „Strategic Lawsuits against Public Participation“. (Strategisches Gerichtsverfahren gegen Bürgerbeteiligung.) Abkürzung: SLAPP

So stolperte ich also über – oder besser in mein neues Buchthema. Der Titel des Buches: „Der Prozess“. Alle Informationen dazu gibt’s auf dieser Website.

  • Denn hier werde ich nicht nur laufend über dieses Verfahren berichten,
  • sondern auch von anderen SLAPP-Verfahren in Europa.

Und ich freue mich natürlich über viel Aufmerksamkeit. Denn die Entscheidung, wie dieser politische Prozess ausgehen wird, liegt nicht bei den Konzernen, nicht bei den NGOs oder Journalisten, und schon gar nicht bei den Gerichten, sondern allein bei der Bevölkerung. Die sich entweder von dem Thema abwenden wird, was ich nicht hoffe, oder die sich mit dem Thema befassen wird, um dann – spätestens bei der nächsten Wahl – die Konsequenzen daraus zu ziehen.

PS: Ich habe vor diesen Kampf zu gewinnen. Und ich habe vor dazu beizutragen, dass es in Zukunft in Europa keine Gerichtsprozesse zur Einschüchterung von Kritikern mehr geben wird.

Bitte unterstütze mich dabei indem du mein neues Buch vorab bestellst oder spendest!