In Produktion

Sonntagsbraten

Geschichtsdokumentation aus dem Jahr 2055: „Wie hat sich die Welt verändert, nach dem Fleisch nur noch Sonntags erlaubt war?“

Anfang der 20er Jahre nahmen die Symptome der Klima- und Umweltkrise dramatische Formen an. „Weiter wie bisher“ war keine Option. Das wurde damals in ganz kurzer Zeit ganz vielen Menschen klar. 

Doch wo sollte der Hebel zur Veränderung angesetzt werden? 

Es begann eine fieberhafte Suche nach dem Hauptschuldigen der Klima- und Umweltkrise Anfang des 21. Jahrhunderts. 

Da alle Schäden entlang der Produktions- und Lieferkette letztlich vom Konsumenten ausgingen, lautete die Frage: „Welche unserer Gewohnheiten richtet den größten Schaden für Umwelt und Mitwelt an?“


Die Antwort der Wissenschaft kam schnell und mit unmissverständlicher Klarheit: unser übermäßiger Konsum von Fleisch- und Milchprodukten.

Die Anzahl der pro Kopf geschlachteten Rinder, Hühner und Schweine hatte sich seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in nur 50 Jahren verdreifacht. 2020 konsumierte man weltweit durchschnittlich rund 45 kg Fleisch und 90 kg Milch. In den USA war der Fleischverbrauch fast drei mal so hoch wie im Weltdurchschnitt (120 kg). In Europa doppelt so hoch (90 kg). Dazu kam in den westlichen Industrienationen ein Konsum von Milchprodukten in der Höhe von 250 kg pro Jahr. (Das 2,5 fache des weltweiten Durchschnitts …)

Junge Menschen begannen deshalb weltweit für eine gesetzliche Einschränkung des Überkonsums von Fleisch und Milchprodukten zu demonstrieren. Wenn es nach der „Sunday Roast“-Bewegung („Sonntagsbraten“-Bewegung) ging, sollte der Fleisch- und Milchkonsum weltweit um 50 % eingeschränkt werden, was in den reichen Nationen einer Einschränkung um rund 80 % entsprach. Fleisch wäre nur noch einmal pro Woche erlaubt!

Die Umsetzung dieses Vorschlages würde den Treibhausgas-Ausstoß der Landwirtschaft (im Vergleich zu einer unveränderten Entwicklung) bis 2050 um 64 % reduzieren. 7 Milliarden Tonnen CO ² e würden alljährlich eingespart werden. Immerhin 35% der gesamten Einsparungen, die laut Pariser Abkommen bis 2050 notwendig wären, um einen kritischen Temperaturanstieg zu vermeiden.

Dazu käme noch die Reduktion von indirekten Emissionen (zB durch Brandrodungen) und eine vermehrte Kohlenstoffbindung in jenen Böden, die nicht mehr als Weideflächen oder für den Futtermittelanbau genutzt würden. Diese Effekte würden zu einer zusätzlichen Reduktion von fast 10 Milliarden Tonnen CO ² e pro Jahr führen: 7 Milliarden Tonnen durch nicht gerodete Wälder; 2,8 Milliarden Tonnen durch Kohlenstoffbindung. 

Der Beitrag der „Sonntagsbraten“-Verordnung zur Erreichung der Pariser Emissionsziele würde sich durch diese indirekten Effekte noch einmal verdoppeln.

Auch in der kleinen Alpenrepublik Österreich tobte daher Anfang der 20er Jahre ein heftiger Kulturkampf um’s heißgeliebte „Schnitzerl“

Als es schließlich zu einer Volksabstimmung kam, hatte niemand einen Erfolg der „Sonntagsbraten“-Bewegung auf der Rechnung. Doch genau dazu kam es am 22. März 2022. 

Bis zur Einführung des Gesetzes, das der Volksmund „Sonntagsbraten“-Verordnung getauft hatte, sollten allerdings noch weitere drei Jahre vergehen. Drei Jahre, in denen  mächtige Lobbies nichts unversucht ließen, den Status Quo zu verteidigen. Doch anders als in den Dekaden davor, funktionierten deren Methoden der Desinformation Mitte der 20er Jahr nicht mehr. Der Problemdruck in den Bereichen Umwelt und Klima war einfach zu groß geworden.

Zu den ersten gut sichtbaren Auswirkungen der erzwungenen Ernährungsumstellung in Österreich zählte ein dramatischer Rückgang bei den Volkskrankheiten Diabetes und Adipositas (Fettleibigkeit). 

Vielleicht spielte deshalb auch ein Schuss Neid auf das blendende Aussehen der Österreicher und Österreicherinnen (und auf deren plötzliche sportliche Erfolge) ein Rolle, als innerhalb von nur fünf Jahren alle Staaten der Europäischen Union nachzogen und ebenfalls den Fleisch- und Milchkonsum einschränkten.

Als im Jahr 2035 schließlich 195 Staaten die Internationale Rahmenverordnung zur Reduktion der Fleisch- und Milchproduktion feierlich unterzeichneten, zeigten sich in Europa bereits die dramatischen Auswirkungen einer solchen Reduktion. 

Eine andere dramatische Sofort-Wirkung zeigte sich im Bezug auf die Welternährung. 

Bereits 2015 waren weltweit fast 6.000 kcal pflanzliche Lebensmittel pro Person und Tag geerntet worden. Das waren beinahe 2,5 mal mehr Kilokalorien, als pro Person benötigt wurden (2.350 kcal).
Das Hauptproblem: 1.750 kcal wurden damals an Tiere verfüttert und in (lediglich) 590 kcal Fleisch- und Milchprodukte umgewandelt. Doch das war nicht alles! Weitere 3.800 kcal pro Tag, die von Gras- und Weideland stammten, wurden in den 20er Jahren verfüttert. (Ernteerträge von Flächen also, die – zumindest zum Teil – für den Anbau von Lebensmitteln für den Menschen genutzt werden könnten.) 

Als der Rückgang der Fleisch- und Milchproduktion ab 2035 für mehr als 1.000 zusätzliche Kilokalorien pro Tag und Kopf sorgte, reichte dieser Überschuss mühelos, um jene Milliarde Menschen zu ernähren die 2035 immer noch mit Hunger und Armut zu kämpfen hatte. (Pro Kopf der armen Bevölkerung der Erde verfügte man plötzlich über mehr als 7.000 zusätzliche Kilokalorien Ernteertrag!)

2047 hatte man das Ziel schließlich erreicht. Der durchschnittliche Fleischkonsum pendelte sich weltweit bei 24 kg pro Person ein. 

Allein dadurch wurden 2/3 des Reduktionsziels, das man sich im Pariser Klimaschutz-Abkommen gesetzt hatte, erreicht. Das letzte Drittel der Einsparungen realisierte man einerseits, indem man weitere besonders schädliche Konsumgewohnheiten einschränkte (zum Beispiel Langstreckenflüge) und andererseits indem die weltweite Energieversorgung vollständig auf Sonnenenergie umgestellt wurde. Auf diese Weise wurden die Reduktionsziele sogar übererfüllt. Die größte Gefahr für den Planeten war gebannt.

Der gewaltige Beitrag der „Sonntagsbraten“-Gesetze zu diesem Erfolg war größtenteils auf die Reduktion der Treibhausgase Methan und Lachgas zurückzuführen. 

Das Treibhausgas Methan war ja, das wußte man auch Anfang des Jahrhunderts bereits, rund 25 mal schädlicher für das Klima als CO ². Es entstand in gewaltigen Mengen in den Gedärmen von Wiederkäuern (Rindern, Schafen und Ziegen), von wo es in die Atmosphäre entwich. 

Und Lachgas, das sogar 300 mal schädlicher als CO ² war, gelangte Anfang des 21. Jahrhunderts hauptsächlich durch den massiven Einsatz von Stickstoffdüngern in die Atmosphäre. 

Mit dem Rückgang der Futtermittelproduktion, der damals noch ein Viertel aller landwirtschaftlichen Flächen dienten, sank der Einsatz von Kunstdüngern und damit die Lachgaskonzentration in der Atmosphäre. 

Es wurde so auch weniger Stickstoff in die Flüsse und Meere gespült, wo es zuvor zu toten Gewässern geführt hatte. 

Überhaupt begannen sich die Weltmeere ab Anfang der 40er Jahren rasch zu erholen. Zuvor war ihr Säuregehalt scheinbar unaufhaltsam angestiegen, da die Meere Unmengen von CO ² aufnahmen. Das Überleben von Kleinstlebewesen, die am Anfang der Nahrungsketten in den Meeren standen, war dadurch in Gefahr geraten und damit das gesamte Leben in den Ozeanen. Der Rückgang des CO ²-Ausstoßes hatte zusammen mit einem Gesetz, dass ab 2041 auch den Fischfang einschränkte, die Gefahr lebloser Todeszonen in den Weltmeeren gebannt.

Doch das Artensterben wurde nicht nur in den Meeren verlangsamt und schließlich vollständig gestoppt …

Die Änderung der Landnutzung durch die Reduktion der Futtermittelproduktion stoppte auch die Zerstörung der Regenwälder und gab unzähligen Insekten, Vögeln und Säugetieren ihre Lebensräume zurück. 

Zu Anfang des Jahrhunderts wurden noch 26% der terrestrischen Erdoberfläche für die Viehwirtschaft genutzt worden. (Die Fläche von Afrika und der EU zusammen!) 

Rund 80% aller bedrohten Landvogel- und Landsäugetierarten waren durch landwirtschaftsbezogenen Habitatsverlust gefährdet gewesen. 

Besonders dramatisch hatte sich das Insektensterben in der Folge des massiven Pestizideinsatzes zugespitzt. 

Doch mit dem Rückgang der Nutzierhaltung und Futtermittelproduktion ließ der Druck auf Flächen und Lebewesen nach, ebenso wie der Druck auf unsere Süsswasser-Reserven. Immerhin war die Futtermittelproduktion davor für ein Drittel des gesamten Wasserverbrauchs der Landwirtschaft verantwortlich gewesen.

Kurz: die „Sonntagsbraten“-Gesetzgebung wurde zum Impulsgeber einer positiven Kettenreaktion in 7 von 9 Bereichen der weltweiten Umweltkrise, mit der die Menschheit am Anfang des Jahrhunderts konfrontiert war: Klimawandel, Ozeanversauerung, Landnutzung, Süßwasserverbrauch, Pestizideinsatz, Artensterben und Stickstoffkreislauf.

Heute – 2055 – erscheint es uns vollkommen klar, dass ein Umwelt-Strafrecht der einfachste Weg zur Lösung unserer Umweltprobleme war. Wie das Strafrecht uns vor der Willkür unserer Nachbarn schützt, schützt uns heute das Umwelt-Strafrecht davor, dass diese Nachbarn unsere Lebensgrundlagen zerstören. Eine solche Umweltzerstörung ist heute ganz einfach verboten. 

Die österreichische „Sonntagsbraten“-Verordnung der 20er Jahre war wahrscheinlich der entscheidende Durchbruch auf dem Weg zu dieser einfachen Erkenntnis.

Heute – 2055 – ist klar, dass die Belastungsgrenzen des Planeten absolute Grenzen sind. Die Dynamik der Marktwirtschaft darf sich nur innerhalb dieser Grenzen entfalten … 

… und ausschließlich im Dienste des Gemeinwohls und der Nachhaltigkeit. 

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